Das Fach Latein an der ELS

»non vitae, sed scholae discimus«

dies schreibt Seneca am Ende seines 106. Briefes an seinen fiktiven Schüler Lucilius. In neun von zehn Fällen wird diese Sentenz falsch zitiert. Dies liegt an der Grundbestimmtheit des Menschen, nach der all sein Tun sinnvoll auf ein Ziel gerichtet und nicht überflüssig sein  sollte. In besagtem 106. Brief schreibt Seneca, wie viel Überflüssiges in der Wissenschaft und auch in der Schule gelehrt und gelernt wird. An diesem Überflüssigen reibe sich die Menschheit auf und nutze ihren Scharfsinn ab.

Heute vertreten viele diese Ansicht dem Lateinunterricht gegenüber. Man lerne dort sinnlos Vokabelgleichungen auswendig und reibe sich an grammatische Raffinessen auf, einzig und allein zu dem Zweck, sie so schnell wie möglich wieder zu vergessen.

Im Folgenden führe ich an, dass dem nicht so ist:

Latein als sprachliche Grundlage weit über Europas Grenzen hinaus

Latein ist als sprachliche, geisteswissenschaftliche und kulturelle Grundlage Europas in der heutigen Zeit wichtiger denn je. Die erworbenen sprachlichen Kompetenzen helfen beim Erlernen und beim Verstehen der durch und durch lateinisch gefärbten romanischen Tochtersprachen wie Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Rumänisch, Rätoromanisch. Auch die englische Sprache als „Stieftochter“ des Lateinischen weist in Grammatik und Wortschatz zahlreiche Parallelen zum Lateinischen auf. Latein ist das Rückgrat vieler Sprachen, so dass sich der Lateinunterricht als sinnvolle Ergänzung zum modernen Fremdsprachen-Unterricht erweist, indem z.B. der Schüler neue Vokablen einer Sprache durch die Kenntnis der lateinischen Grundform selber erschließen kann.
Im Lateinunterricht stehen der bewusste Umgang mit Texten, Texterschließung, Textanalyse sowie das Nachdenken und Reflektieren über Sprache im Mittelpunkt. An einem abgeschlossenen sprachlichen System werden das Verstehen komplexer semantischer wie syntaktischer Strukturen geübt. Lateinische Konstruktionen wie der Accusativus cum Infinitivo oder Ablativus Absolutus wecken ein Bewusstsein dafür, dass jede Sprache und Sprachgemeinschaft ihre charakteristischen Konstruktionen hat. Diese gilt es beim Umgang mit der jeweiligen Fremdsprache wie auch der Muttersprache zu beachten. Durch das hohe Maß an Logik, Transfer- und Abstraktionsvermögen, welche zum Übersetzen benötigt werden, wird der Scharfsinn und die Kreativität des Lateinübersetzenden gebraucht.

Latein als geisteswissenschaftliche und kulturelle Grundlage Europas

Neben der intensiven Beschäftigung mit Sprache steht die antike Welt, ihre Kultur und ihr Geistesgut im Lateinunterricht ganz weit vorne. Das Kennenlernen einer fremden Kultur, die unsere Kultur bis in die Gegenwart prägt, eröffnet neue Zugänge zur Gegenwart und zu anderen Zeiten. Man bedenke, wie stark das Mittelalter, die Renaissance und die Neuzeit von der Antike durchdrungen waren. Die Antike erfahren die Schüler nicht nur anhand von literarischen Werken, Gemälden, sondern auch anhand von archäologischen Realien. Die Lage der Ernst-Ludwig-Schule nahe dem Limes und der Saalburg sprechen an dieser Stelle für sich und laden zu konstruktiven Exkursionen ein.  

Latein als Kernfach zur Verbesserung der Zielsprache Deutsch

Latein ist und bleibt ein Kernfach des gymnasialen Bildungsweges. Es hat schon längst seinen elitären Mantel abgelegt und setzt sich mit Kräften für Chancengleichheit ein. Jedem Schüler wird die Chance geben, durch den Lateinunterricht in der Zielsprache, in unserem Fall der deutschen Sprache, besser zu werden. Das Übersetzen ins Deutsche ist für den Lateinunterricht im Unterschied zu den modernen Fremdsprachen charakteristisch und birgt ein reiches Potential mit der deutschen Sprache nuanciert und umsichtig umzugehen. Einer intensiven Beschäftigung mit den komplexen, anspruchsvollen und bisweilen sperrigen lateinischen Stoffen folgen Grundlagen-Qualifikationen, die sich auf vielfältige Bereiche des schulischen Lebens wie des Lebens allgemein übertragen lassen. So dass man tatsächlich wieder an das eingangs erwähnte Zitat Senecas erinnert wird, nur diesmal dann doch eher an die Wildwuchs-Variante „non scholae, sed vitae discimus“.

In den letzten Jahren entschieden sich immer mehr Schüler der ELS, diesen Weg zu gehen und Latein als zweite Fremdsprache zu lernen. Während sich im Schuljahr 2001/2 27% für Latein entschieden, waren es zwei Jahre später bereits 41% und im Schuljahr 2005/6 knapp unter 50%. Zukünftige Prognosen versprechen eine steigende Beliebtheit der alten Sprache.
Geben auch Sie ihr eine Chance?

Christina Hubl
(08.01.2008)