| Nach rund elf Flugstunden und noch einmal fünf Autostunden würde ein Schüler der ELS nach einem Zwischenstopp in Johannesburg Mbabane erreicht haben. Nur: Was will ein Schüler der Ernst-Ludwig-Schule in der Hauptstadt des zweitkleinsten afrikanischen Landes, dem Königreich Swasiland? Seit kurzem verfügt das Bad Nauheimer Gymnasium um eine Afrika-AG, die sich aktiv mit dem Thema Entwicklungshilfe beschäftigt. Im Fokus des Interesses landete Swasiland, das von der Größe her ungefähr mit Rheinland-Pfalz zu vergleichen ist. Besonders die Tatsache, dass Swasiland das Land mit der weltweit höchsten HIV-Rate ist, alarmierte die Schüler und Kursleiter Oliver Seuss. Hier etwas zu bewegen wäre eine prima Sache. Trotz umfangreicher Internetrecherche sah der Kurs weiteren Informationsbedarf. Also lud man sich mit Dr. Volker Stoltz (Honorargeneralkonsul von Swasiland), Kordula Schulz-Asche (Landesvorsitzende Bündnis 90/ Die Grünen) und Jürgen Langen (Deutsche Afrika Stiftung) hochkarätige und kompetente Gäste zu einem Diskussionsnachmittag in die Ernst-Ludwig-Schule ein.

Schulleiterin Brigitte Jung-Hengst begrüßte die Gäste und freute sich über das große Interesse, das die Veranstaltung bei der Schüler- und Lehrerschaft, Eltern und Ehemaligen ausgelöst hatte. Ihr Dank galt der Afrika-AG und der Medien-AG für Organisation und Aufbau. Moderator Frederik Eckerle stellte die Leitfrage der Veranstaltung: »Ist Entwicklungshilfe sinnvoll?« und leitete über zum Einführungsvortrag von Dr. Volker Stoltz, Volkswirtschaftler und seit 2003 Honorargeneralkonsul des Königreiches Swasiland.

Darin erfuhren die Gäste der Veranstaltung alles über die reizvolle Landschaft, die Bevölkerung (Swasiland besteht zu 95% aus Swasis und ist kein Vielvölkerstaat) und die reichhaltige Flora und Fauna der »Schweiz des südlichen Afrika«. Das Traditionsbewusstsein der Swasis, die zu ca. 76% auf dem Land leben und als Subsistenzfarmer tätig sind (dabei regeln die ca. 200 Chiefs nicht nur das Wohnrecht). Volker Stoltz kam auf die Wirtschaft des Landes zu sprechen und die Bildung, er wies darauf hin, dass sich das Land im Umbruch befinde. Ein wichtiger Schwerpunkt des Vortrages waren die Politik Swasilands und Staatsoberhaupt Mswati III (politischer und geistiger Herrscher). Abschließend ging Dr. Volker Stoltz auf die witch doctors zu sprechen, die traditionell eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen und das größte Problem Swasilands: die Geißel AIDS.

Für den zweiten Teil der Veranstaltung hatten die Schüler zu verschiedenen Themenkreisen Einführungsreferate vorbereitet, zu denen die Experten auf dem Podium – ZDF-Korrespondent Luten Leinhos musste wegen eines Auslandseinsatzes in Syrien kurzfristig absagen – anschließend Stellung nehmen konnten. Damon Taleghani hatte zunächst das politische System unter die Lupe genommen und stellte die Frage, ob Entwicklungshilfe in einem monarchistischen System funktionieren kann. Dies wurde eindeutig positiv gesehen. Kordula Schulz-Asche sah die Menschenrechte im Vordergrund: Alles, was diese fördere, sei als positiv zu bewerten. Jürgen Langen warf ein, dass Demokratie ein Prozess sei, der langsam laufe. Man müsse der Bevölkerung eine Chance geben, für sich selbst herauszufinden, welche Art der Demokratie zur eigenen Kultur passt.

Das Thema Bildungspolitik hatte Vincent Liedtke vorbereitet. Hier sah Dr. Volker Stoltz ein echtes Problem: Für den Bildungssektor stehe kaum Geld zur Verfügung, die Einnahmen aus der Zollunion seien gekürzt worden, was erhebliche finanzielle Probleme mit sich bringe. Jürgen Langen wusste zu berichten, dass Schüler im südlichen Afrika demnächst die Chance hätten mit billigen Tablet-PCs zu arbeiten, die Schulbücher würden als E-Books veröffentlicht. Kordula Schulz-Asche gab zu bedenken, dass man vor allem bei der ländlichen Bevölkerung Überzeugungsarbeit leisten müsse, da deren Interesse vielfach darin liege, die Kinder zur Feldarbeit heranzuziehen und nicht, sie in die Schule zu schicken.

Um Frauenrechte hatte sich Julika Stauber gekümmert mit der zentralen Frage, ob die Frauen Swasilands überhaupt um ihre verfassungsmäßigen Rechte wüssten. Laut Dr. Volker Stoltz sei dies im ländlichen Bereich eher nicht der Fall, denn ein gewisses Maß an Bildung sei dazu Voraussetzung. Doch ansonsten spielten Frauen in der Gesellschaft eine wichtige Rolle, in den Städten hätten sich Frauenrechte durchgesetzt und viele einflussreiche Positionen seien auch von Frauen besetzt. Das Stadt-Land-Gefälle sah Kordula Schulz-Asche ebenfalls. Die Aufklärung der Mädchen und Frauen, dass sie Rechte haben, müsse im Vordergrund stehen, sehr gut geeignet seien hier Projekte wie »Mädchen stark machen«, was auch in der AIDS-Prävention sehr sinnvoll sei.

Das letzte Thema, Gesundheitspolitik, wurde von Louisa Deinhardt eingeführt. Im Mittelpunkt stand hier natürlich das Thema AIDS. Hier war man sich einig, dass Aufklärung hier unabdingbar ist. Jürgen Langen brachte hier die Idee ins Spiel, die Kirchen mit ins Boot zu holen. Was in den Kirchen gepredigt werde, habe generell einen großen Einfluss. Hilfe aus den reichen Ländern sei diesbezüglich hoch willkommen.

Moderator Frederik Eckerle stellte abschließend noch einmal die Frage: »Ist Entwicklungshilfe sinnvoll, und was können wir tun?« Dabei erfuhr die ELS-Arbeitsgemeinschaft viel Lob und Motivation für die weitere Arbeit. »Sie tun schon eine ganze Menge,« lobte Dr. Volker Stoltz, Swasiland könne auf allen Ebenen Unterstützung brauchen, als Beispiel nannte er Stipendien für Kinder und die Unterstützung von Waisenkindern. Bei ihrem künftigen Engagement könne die Afrika-AG auf seine volle Unterstützung rechnen. »Es ist immer richtig, etwas zu tun und über den eigenen Tellerrand zu schauen,« befand Kordula Schulz-Asche, die die Mitarbeit in einem entwicklungspolitischen Netzwerk empfahl. Auch sie bot der AG ihre aktive Unterstützung an. Jürgen Langen gab zu bedenken, dass Entwicklungspolitik auch mit Geld und Macht zu tun habe und man mit Informationen besonders kritisch umgehen müsse. Er riet den Schülern, sich vor Ort einen Eindruck zu verschaffen, es gebe viele Programme, die eine solche Exkursion unterstützen. Dies könne das eigene Weltbild nachhaltig verändern.
Auch wenn in nächster Zeit kein Teilnehmer der ELS-Afrika-AG die elf Flugstunden nach Südafrika in Angriff nehmen wird, hat man doch viele Anregungen für die weitere Arbeit erhalten. Über Swasiland wissen die Veranstaltungsteilnehmer nun eine ganze Menge mehr und die Arbeitsgemeinschaft kann neue Aktivitäten planen.
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