Der
deutsch-französische Kulturaustausch hat in Bad Nauheim durch die langjährige
Verschwisterung der Städte Chaumont und der Kurstadt und ihren Schulen eine
gute Tradition. Doch nachdem der Kontakt seitens der französischen
Partnerschule abgebrochen war, freute es die Bad Nauheimer Schulgemeinde umso
mehr, als ein diesjähriger Pionieraustausch mit dem Überseedepartement La
Réunion möglich geworden war.
Die
»Ile de la Réunion« (Insel der Zusammenkunft), 10 000 km von Frankreich
entfernt im Indischen Ozean gelegen, reizt – von der Sprache Französisch
abgesehen – natürlich mit dem Aspekt des »exotisme« der ganz anderen Kultur,
die trotz Zugehörigkeit La Réunions zu Frankreich doch so viele afrikanische
und multikulturelle Facetten besitzt.
Deshalb war es
für uns, meist ebenfalls noch nie dorthin verreiste Europäer, so spannend, für zwei
Wochen die französischen Gäste in unsere Familien aufzunehmen.
Natürlich
stellte sich besonders bei den herrschenden Witterungsbedingungen die Frage,
warum die vom tropisch-sommerlichen Klima verwöhnten, in unseren Augen dem
Paradies entschwundenen Schüler freiwillig in das (Mai-)kalte Deutschland
kommen. Doch für die
meisten der Reunionesen stellte dieser Austausch die erste Möglichkeit einer
Reise außerhalb der Insel nach Europa dar.
Zwei
Kulturen – die gelassen-temperamentvollen Kreolen und die meist so bedachten
und emsigen Deutschen – trafen aufeinander. Für die Reunionesen war der hiesige
Verkehr (selbst in kleinen Ortschaften) bedrohlich, Zug fuhren viele zum ersten
Mal in ihrem Leben und die Rolltreppen und Wolkenkratzer in Frankfurt waren
bisher nur aus amerikanischen Fernsehserien bekannt.
Unser Programm
sollte unseren Gäste eine Öffnung in der Reichweite (Entfernungen) geben. Zur
Orientierung begannen wir mit der Schulbesichtigung, der französischsprachigen
Stadtführung und dem offiziellen Empfang der Stadt. Zum gemeinsamen
Kennenlernen und regen Austausch boten unser Grillabend am Schwalheimer Rad mit
Fußballspiel, der leider verregnete Wandertag im Westerwald mit Besichtigung
des Bergwerkes Fortuna sowie die Rheinfahrt nach Mainz, die Besichtigung des
Gutenberg-Museums und eine Schiffsfahrt zur Loreley genügend Möglichkeiten.
Auch in einem
gemeinsamen »projet pédagogique« erarbeiteten wir uns zweisprachig die Zukunft
der Europäischen Union mit besonderem Fokus auf die deutsch-französischen
Beziehungen. Viel über die deutsche Kultur bekamen die Franzosen bei ihrem
Tagesausflug nach Frankfurt mit dem Besuch des Goethehauses und -museums sowie der
Paulskirche und des Kaiserdoms vermittelt.
Aber auch in
unseren eigenen gestalteten Programmen für die schulfreien Tage erkannten wir,
dass es nicht für jeden selbstverständlich ist, eine echte Ritterburg zu kennen
oder überhaupt die Spuren des Mittelalters, wie Fachwerkhäuser oder Klöster,
jemals »live« gesehen zu haben. Wegen der auf Réunion herrschenden hohen
Arbeitslosigkeit träumen einige der Austauschpartner von einer beruflichen Perspektive
in Europa, speziell in Frankreich.
Natürlich
sind wir deutsche Austauschschüler nicht minder gespannt auf das Erkunden einer
uns fernen Realität in manchmal auch bescheidenerem Lebensstandard, dafür aber mit
umso reicherer Naturvielfalt.