14.10.2018 17:16 Alter: 35 days

Zeitzeugengespräche im Kloster Ilbenstadt


Zu Zeitzeugengesprächen reiste die Q1 der ELS ins Ilbenstädter Kloster. Dort stand Jadwiga Wakulska, Ehrenamtliche des Maximilian-Kolbe-Werks zur Verfügung, die mit den Schülerinnen und Schülern unter die Haut gehende Erinnerungen teilte, die bei den Jugendlichen großen Eindruck hinterließen. Nachfolgend finden sich zwei Erfahrungsberichte von Schülern.

Eindrücke vom Zeitzeugengespräch
mit Jadwiga Wakulska
Um die Erinnerung an die schreckliche Zeit des Nationalsozialismus wach zu halten, hat mein Jahrgang durch das Maximilian-Kolbe-Werk in Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche die Möglichkeit bekommen, bei einem Zeitzeugengespräch zuhören und persönlich nachfragen zu dürfen.
Ich habe diese Möglichkeit sehr geschätzt, weil es für mich einen Unterschied macht, ob man etwas über ein Thema liest, oder es direkt von einer Zeitzeugin berichtet wird. Besonders schockiert haben mich die Schilderungen der Zeitzeugin über den völlig respektlosen Umgang mit zu Tode gekommenen Menschen sowie die grausame Tötung von Neugeborenen. Der Vater der Zeitzeugin, so berichtete Frau Wakulska, erstickte in einem Gefangenenzug nach Buchenwald; der tote Körper wurde während der Fahrt einfach „entsorgt“, sprich aus dem Wagon geworfen. Ebenso schockierend war für mich die Schilderung über die grausamen Menschenversuche eines Dr. Mengele. Diese Fakten waren mir bis zu unserem Zeitzeugenprojekt nicht bekannt, obwohl ich mich in der Schule in vorherigen Klassen bereits intensiv mit diesem Thema beschäftigt hatte.
Auch die Beschreibung der dortigen Lebensumstände, die fast als solche nicht zu bezeichnen sind, hat mich sehr betroffen gemacht, weil mir vorher nicht völlig klar war, wie schlecht es den Menschen in den Konzentrations- und Arbeitslagern wirklich ging. So mussten die Menschen beispielsweise in Holzbaracken schlafen, die im Winter ungeheizt und im Sommer ungekühlt waren, zudem mussten sich fünf  Menschen eine mit Stroh ausgelegte Pritsche teilen.
Einen kleinen Nachteil sehe ich allerdings im Alter der Zeitzeugin: Sie wurde im KZ Auschwitz geboren und hatte das große Glück, nicht sofort umgebracht worden zu sein. Sie verbrachte „nur“ fünf Monate dort, bevor das Lager befreit wurde. Dadurch sind natürlich die Möglichkeiten eingeschränkt, von den Ereignissen dort zu berichten. So lag der Fokus des Gesprächs nicht auf der Zeit im KZ, sondern eher auf den langwierigen Folgejahren dieser grausamen und schrecklichen Zeit.
Andererseits konnten wir den Ausführungen von der verhältnismäßig „jungen“, polnisch sprechenden Frau Wakulska gut folgen, auch weil wir eine hervorragende Übersetzerin hatten.
Besonders bemerkenswert finde ich außerdem, wie offen und gefasst die Zeitzeugin mit ihrer Geschichte umgeht und wie offen sie den Nachkommen derjenigen Menschen, die ihr ein solches Leid zugefügt haben, begegnet.

Erfahrungsbericht von Luca Conrad, Q1

Zeitzeugengespräche in Ilbenstadt – Polen erzählen
Auseinandergerissene Familien, kaltherzig ermordete Menschenmassen in Gaskammern, Säuglinge, die direkt nach der Geburt ertränkt oder an die Wand geschmissen wurden – Schrecken aus der Nazi-Zeit.
Als eines von Millionen Opfern erzählt die Polin Jadwiga Wakulska uns ihre persönliche Geschichte.

Es ist Freitagvormittag, die gesamte Q1 der ELS ist im Ilbenstädter Kloster versammelt und zu Zeitzeugengesprächen eingeladen. Jadwiga ist eine von fünf Ehrenamtlichen des Maximilian-Kolbe-Werks, die uns heute kursweise zur Verfügung stehen – und mit ihren beinahe 74 Jahren die Jüngste unter ihnen!
Das hat auch seine Gründe: Die Polin wurde 1944 in Auschwitz geboren. Mit ernster Miene berichtet sie uns von den menschenunwürdigen Verhältnissen im KZ, von dem Glück, dass die Hebamme sie nach ihrer Geburt am Leben ließ und der schweren Zeit nach der Freilassung aus dem Lager. Ihr Vater starb bereits bei der Deportation nach Buchenwald, ihre Mutter und sie wurden durch ihr „nordisches“ Aussehen gerettet. Doch um ihre restlichen Kinder wiederzufinden, ließ ihre Mutter sie notgedrungen in einem Heim zurück. Nach ihrer folgenden Adoption verbrachte Jadwiga eine glückliche Kindheit, bis sie schließlich von ihrer leiblichen Mutter erfuhr. Trotz des ersten Schocks und durch jahrelange Suche war die Familie 1974 wieder vereint.
Seitdem hätten sie immer engen Kontakt gehabt, meint Jadwiga zufrieden, obwohl ihre Adoptiveltern genauso ihre Familie gewesen seien. Und nun bin ich reich an Namen, übersetzt die Dolmetscherin und unsere Zeitzeugin lacht vergnügt. Sowohl von ihrer leiblichen als auch ihrer Adoptivfamilie bekam sie je einen Namen – und „Wakulska“ von ihrem Mann, den sie mit 22 Jahren geheiratet hat.
In der nachfolgenden Fragerunde spüren wir außer Ernst und Humor auch ihre Offenheit. Ob sie noch einen Hass auf die Deutschen verspüren würde? Nein, auf keinen Fall auf die jetzige Generation – und sie wisse, dass auch damals die Soldaten oft nur Befehle ausgeführt hätten. Was sie denn fühle, wenn sie heute von Rechtsextremisten und Holocaustverleugnern höre? Unverständnis. Empörung darüber, wie man etwas Derartiges behaupten könne – wo es doch massenhaft Opfer und Zeugen gegeben habe.
Während des Gesprächs wird deutlich, warum dieser Frau ihre Arbeit so wichtig ist – obwohl sie ja  kein Geld bekommt. Sie möchte Leuten helfen, die Schlimmes durchgemacht haben; Jugendlichen klarmachen, warum sie eine Wiederholung solcher Gräueltaten unbedingt verhindern müssen. Denn – viel braucht es nicht, um aus  extremen Bewegungen wieder Massenmord werden zu lassen.
Jadwiga Wakulska wünscht uns ein glückliches Leben, eine Zukunft ohne Krieg und mehr Liebe in der Welt. Das ist ihr wichtig:
Die Liebe zwischen allen Menschen.