24.09.2018 17:37 Alter: 83 days
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Zeitzeuge der ehemaligen DDR an der Ernst-Ludwig-Schule


Schon seit vielen Jahren gehören Zeitzeugen zum Geschichtsunterricht der ELS. Zusätzlich zu dem Erzählen und Befragen noch lebender Zeitzeugen der NS-Zeit hat die Ernst-Ludwig-Schule in Kooperation mit der St. Lioba-Schule und dem Burggymnasien in Friedberg Herrn Wittenburg an die Schule geholt, der aus seinem persönlichen Erleben der ehemaligen DDR referierte.
Dabei war es ihm besonders wichtig, die Schüler der Jahrgangsstufe 13 (Q3) auf die Bedeutung von demokratischen Werten und Rechtssicherheit hinzuweisen, die vielen der jüngeren Generation scheinbar selbstverständlich sind. Völliges Unverständnis zeigte Herr Wittenburg für Politiker, die erklärtermaßen das Land ihrer Vorväter herbeiwünschen. Das Leben in der DDR jedenfalls war ein Leben in der Utopie (eigentlich Dystopie), in einem Unrechtsstaat, in einer Diktatur. Das kann sich wohl kaum jemand zurückwünschen wollen. Auch aktuelle Parteien, die auf Feindbilder bauen, die mit Hilfe von Propaganda, Ideologien, sogar Androhung von Gewalt und Rechthaberei die Menschen in die Irre leiten, sind ihm ein Gräuel. Eindringlich appellierte er an die jungen Zuhörer, nicht leichtfertig anderen die Verantwortung für unsere demokratischen Werte und für kritischen Diskurs zu überlassen.
Mit Unterstützung von zahlreichen Fotografien, die er während der DDR-Zeit angefertigt hat, zeigte der in Warnemünde bei Rostock geborene Mecklenburger, wie erschütternd groß die Diskrepanz zwischen der propagierten schönen heilen Welt und der tatsächlichen Realität in der ehemaligen DDR war. Dabei schilderte er eindrucksvoll von seinem eigenen Werdegang als künstlerischer und organisatorischer Leiter des Fotoclubs „Konkret“, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, genau hinzuschauen und eben diese Diskrepanzen fotografisch festzuhalten und aufzuzeigen. Trostlose Bilder von Rostock, die heruntergekommene, teilweise verlassene Häuser zeigen, ebenso wie jahrelange, unfertige Baustellen und improvisierte Wege durch Schlamm und Schutt beweisen eindeutig, dass die Planwirtschaft der DDR nicht funktionierte.
Darüber hinaus verdeutlichte Herr Wittenburg, wie der Staat seine jungen Menschen in seinem Sinne erzog und sich in Lebensläufe einmischte. Im Klassenbuch wurde vermerkt, ob ein Schüler aus einer Arbeiterfamilie kam (A) oder aus einer gebildeten Schicht (I). Im Arbeiter- und Bauernstaat sollten vor allem die Kinder besonders gefördert werden, die aus der Arbeiterschicht kamen. Es ging nicht nach tatsächlicher Begabung oder Intelligenz. Er untermauerte seine Aussage mit dem Beispiel seiner Schwägerin, die zwar Klassenbeste war, aber nicht als förderungswürdig galt, da sie aus einem gebildeten Hause kam. So durfte sie weder Abitur machen noch eine Universität besuchen. Auch über ihn gab es eine Akte, die er nach dem Mauerfall 1989 einsehen konnte. Er stand ständig unter Beobachtung der Stasi, da er mit seinen ehrlichen Fotografien die Realität einfing und damit aneckte. Dem Versuch, ihn als informellen Mitarbeiter bzw. als Angehöriger der SED, der Einheitspartei, anzuwerben, wich er geschickt aus und manövrierte sich irgendwie durch die ständige Kontrolle und bedrohliche Einmischung des Staates. Immer wieder fand er sich kurz davor, in eins der berüchtigten Stasi-Gefängnisse eingewiesen zu werden. Das Beispiel von seinem Vater, der beide Diktaturen, den NS-Staat und den Unrechtsstaat der DDR erlebt hat, war für die Schüler besonders eindrucksvoll, hat dieser doch nur wenige Jahre in Freiheit leben können, obwohl er ein hohes Alter erreichte.
Die zunehmenden Proteste gegen dieses rigide, zur Unfreiheit erziehende System, die Montagsdemonstrationen, die Wende und die Revolution 1989, wurden ebenfalls fotografisch festgehalten. Auch hier machte Herr Wittenburg sehr deutlich, dass es vor allem die Jugend war, die sich endlich erfolgreich gegen ihre Unterdrücker wehrte.   
Im Namen der Geschichtslehrer und Schüler dankte Frau Hebbeker-Meyer, Fachbereichsleiterin für das Aufgabenfeld II, Herrn Wittenburg sehr für seinen authentischen Vortrag, den er geschickt und packend mit historischen Fakten und aktuellen Bezügen verknüpfte. Für unsere Schüler sind genau diese zugewandten, lebendigen Erzähler der Vergangenheit extrem wichtig, um Geschichte, um unsere hart erkämpfte Demokratie richtig einschätzen und verstehen zu können.

Für die Fachschaft Geschichte: Annette Hebbeker-Meyer